FREUNDESKREIS STADTMUSEUM DARMSTADT E.V.

ALTSTADTMUSEUM HINKELSTURM

*** geöffnet von April - Oktober, samstags und sonntags von 14 - 16 Uhr ***

          1. Stadtgründung

          2. Die Nebenresidenz

          3. Die Alte Vorstadt

          4. Die Neue Vorstadt

          5. Die Mollerstadt

          6. Die Gründerzeit

          7. Das 20. Jahrhundert

      ©Freundeskreis Stadtmuseum, 2004

 

Die Geschichte der Darmstädter Altstadt-

1. Von den Anfängen der Stadtgründung

Auszug aus der Examensarbeit von Jörg Harbrecht 'Denkmalpflege und Geschichts-unterricht am Beispiel der Darmstädter Altstadt', erarbeitet 1998 an der Johann Wolfgang Goethe - Universität in Frankfurt am Main

Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Aufnahmen

Bild 1

Darmstadt nach Leske-Plan von 1822, Aufteilung der Stadtviertel. 1: Altstadt, 2: Geschäftsviertel, 3: Kasinoviertel (2 und 3: Mollerstadt), 4: Ludwigsviertel, 5: Martinsviertel (entstanden aus der Pankratiusvorstadt), 6: Kapellplatzviertel (Wiest, Stationen, S. 143).

Bild 2 

Die vier Stadtplanausschnitte lassen das Wachstum der Stadt bis 1590, 1750, 1850 und 1900 erkennen. Anhaltspunkt ist jeweils das Schloß (aus Wamser-Plan von 1894, nach Zimmer, Martinsviertel, S. 11).

Bild 3

Plan der Stadt Darmstadt nach J. M. Weiß, 1799 (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, Beilage).

Bild 4

Stadtplan vom Stadtgebiet Darmstadts um 1990. Die Einzelkulturdenkmäler sind rot, die Gesamtanlagen orange und die Gartendenkmäler grün dargestellt (Ausschnitt aus: Fries, Denkmaltopographie, S. 70).

Bild 5

Bevölkerungsentwicklung Darmstadts (Ackermann, Wasserburg, S. 31).

Bild 6

Vorbild für eine Zeitleiste (Fries, Denkmaltopographie, Beilageblatt).

Bild 7

Die Luftaufnahme der Altstadt von 1928 zeigt die heute noch vorhandenen baulichen Überreste in gelb. Nicht markiert ist das Schloss (Deppert/Häussler,8f).

Bild 8a und 8b

Die Stadtkirche um 1940 und nach dem Angriff vom 25. auf den 26. 8. 1944. Blick vom Turm des Pädagogs (Deppert/-Häussler, S. 53, 55).

Bild 9

Der Altstadtbereich nach der Denkmaltopographie mit den heutigen Baudenkmälern umfasst die 1695 begonnene und 1745 ummauerte Neue Vorstadt. Rot sind die Einzelkulturdenkmäler, orange die Gesamtanlagen und grün die Gartendenkmäler dargestellt (Fries, Denkmaltopographie, S. 70). Siehe auch Bild 3.

Bild 10

Der Altstadtbereich ohne die Alte Vorstadt 1939. Farblich ist die Mauer von 1330 nachgezeichnet (Ausschnitt aus: Häussler, Darmstadts Stadtmitte).

Bild 11

Der Altstadtbereich ohne die Alte Vorstadt heute. Farblich ist die Mauer von 1330 nachgezeichnet (Ausschnitt aus: Häussler, Darmstadts Stadtmitte).

Die Bezeichnung "Altstadt" taucht seit dem frühen 19. Jahrhundert zunächst für den ab 1330 ummauerten Bereich Darmstadts auf. 1823 ist die "Alte Stadt" erstmals in einer Karte zu finden.[1] Zum Bereich der Altstadt zählten bald auch die Alte Vorstadt, das Schloss und der Schlossgarten (Bild 1).[2]

Im Folgenden wird die Entwicklung der Darmstädter Altstadt bis heute dargestellt. Bis zum 19. Jahrhundert entspricht die Geschichte der Altstadt weitgehend der allgemeinen Darmstädter Stadtgeschichte. In der weiteren Stadtentwicklung tritt die Altstadt in den Hintergrund. Welchen Einfluss Neue Vorstadt, Mollerstadt und gründerzeitliche Stadterweiterung auf den Altstadtbereich hatten und wie die Entwicklung bis heute verlaufen ist, wird die anschließende Abhandlung zeigen.

Die fränkische Siedlung

Eine erste Besiedelung des Darmstädter Stadtgebietes entstand bereits in fränkischer Zeit. Seit dem achten Jahrhundert weitete sich das Frankenreich rechts des Mittelrheins aus. Ob schon zu dieser Zeit der Darmstädter Raum in Marken als politische Verwaltungseinheiten eingeteilt wurde, ist nicht mehr feststellbar. Ebenso muss es Vermutung bleiben, ob die Darmstädter Siedlung als Niederlassung eines kaiserlichen Forstbeamten entstanden ist. Die älteste Überlieferung des Darmstädter Stadtnamens, "Darmundestat", stammt aus der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts und deutet auf fränkischen Ursprung. Die Bedeutung des Stadtnamens ist nicht eindeutig zu klären, dürfte aber aus der Funktion als befestigte Stätte herzuleiten sein.[3]

 

Die Darmstädter Siedlung gehörte zunächst zum Forst- und Wildbann Dreieich, der ab dem Jahr 1000 bis ins hohe Mittelalter eine wichtige Rolle im Reich spielte. Aus den Besitzungen Dreieichs löste sich später die Grafschaft Bessungen, die dem Würzburger Hochstift zugeschlagen wurde, mit dem Darmstädter Gebiet heraus. Bis zum Reichsdeputationshauptschluss 1803 blieb das Darmstädter Gebiet ein Würzburger Lehen.[4]

Burgbau, Stadtrecht und Bau der Stadtmauer

Im 13. Jahrhundert erhielten würzburgische Lehnsleute Teile des Darmstädter Raumes, von denen bis zum Ende des 13. Jahrhunderts die Grafen von Katzenelnbogen unter Diether V. die Oberherrschaft erlangten. Um die Herrschaft abzusichern, entstand Mitte des 13. Jahrhunderts die Darmstädter Wasserburg (Bild 18a), deren Ursprung wiederum ein immer mehr befestigtes Forsthaus gewesen sein könnte.[5] Eine ähnliche Burg stand in Arheilgen, bis deren Zuständigkeit auf die Darmstädter Burg überging. Die Bedeutung der Burg war zunächst noch gering, so dass auch die Siedlung nicht wesentlich zunahm. Später wurde die Darmstädter Burg Teil eines Burgensystems, das den Aufstieg der Grafschaft im 14. Jahrhundert begünstigte. Dadurch gewann auch die Siedlung an Bedeutung. Dieser topographische Dualismus von befestigtem Herrensitz und Siedlung entsprach in der Regel den früh- und spätmittelalterlichen Stadtgründungen.[6]

 

Über die Verteidigung der Darmstädter Burg ist nur sehr wenig überliefert. Sie wurde von Burgmannen übernommen, die in der Regel dem niederen ritterschaftlichen Adel angehörten. Durch Lehnsverträge wurden diese zum Wohnen in Burgnähe verpflichtet. Dafür erhielten sie jährliche Zuwendungen, so genannte Gülden. Im Bereich der Darmstädter Burg lassen sich 18 Adelsfamilien feststellen, von denen etwa ein Dutzend ihre Höfe in der später ummauerten Stadt hatten. Als erster Burgmanne kann 1292 Friedrich von Frankenstein nachgewiesen werden, dessen Familie einen Hof am Bessunger Tor bis 1560 bewohnte.[7]

 

An der Topographie (Bild 13) lässt sich feststellen, dass sich die später ummauerte mittelalterliche Altstadt aus zwei Siedlungszellen entwickelt hat. Darmstadt entspricht damit dem topographischen Typ einer gewachsenen Anlage.[8] So laufen die Straßen nicht von Westen nach Osten durch. Beide Siedlungen waren durch den Darmbach im Bereich von späterer Bach- und Holzgasse voneinander getrennt. Eine spätere Verbindung wurde nur durch Markt- und Ochsengasse hergestellt. Auch die Bezeichnung des Marktplatzes mit "Plan" deutet darauf hin, dass dieser ursprünglich außerhalb der befestigten Siedlung, dem späteren Oberdorf, gelegen hat. Ein weiterer Anhaltspunkt ist die Randlage der Stadtkirche. Battenberg vermutet deren Ursprung in einer Friedhofskapelle.

Der Friedhof lag am anderen Bachufer, außerhalb des ursprünglichen Siedlungskerns.[9]

 

Auf einer Anhöhe östlich der Burg, im Bereich der Obergasse, ist der älteste Kern der Stadt, das Oberdorf zu vermuten. Dies erklärt die starke Ausdehnung des späteren Mauerrings nach Nordosten. Es ist anzunehmen, dass sich dieser Stadtbereich weitgehend ungeplant entwickelt hat. Die Hauptachse verlief in Süd-Nord-Richtung vom Bessunger Tor zum Arheilger Tor über Bessunger Straße, Holzstraße, Lang- und Obergasse. Die Holzstraße ist schon 1232 bezeugt.[10]

 

Der westliche Teil der später befestigten Stadt, das Unterdorf, dürfte mit der Verleihung des Stadtrechtes 1330 größtenteils durch Landgraf Wilhelm I. geplant und von Wilhelm II. ausgeführt worden sein. Diese neugegründete, auf die Burg ausgerichtete Anlage entsprach auch der damaligen günstigen Finanzsituation des Grafenhauses. Besonders die Kirchstraße entwickelte sich unabhängig von der Oberstadt als Fortsetzung der Straße von Bessungen zur Burg. Südlich der Burg lag damals wie heute der Marktplatz mit dem Rathaus.[11]

 

Die Verleihung des Stadtrechts am 23.7.1330 durch Kaiser Ludwig den Bayern wurde durch die Situation im Reich begünstigt. Graf Wilhelm I. unterstützte den Kaiser in seiner Auseinandersetzung mit dem Papst und Friedrich von Habsburg. Für diese dem Reich geleisteten Dienste erhielt Wilhelm die Privilegierung für Darmstadt. Sie galt dem Grafen persönlich, die Siedlung selbst konnte daraus kein Recht herleiten. Damit war das Entstehen einer Stadt im Rechtssinne gegeben. Das kaiserliche Befestigungsregal wurde auf Graf Wilhelm I. übertragen. Es konnte ein Wochen- und ein Jahrmarkt abgehalten werden. Beide Märkte waren am Frankfurter Recht orientiert. Das Marktrecht führte zu einer zentralen Wirtschaftsfunktion Darmstadts, daher richtete sich das Umland auf die Stadt aus. Den mit dieser neuen Wirtschaftsfunktion möglichen Ausbau der Stadt hat dann Wilhelm II., der bereits 1331 die Regierung übernahm, in die Wege geleitet.[12]

 

Darmstadt gehört zu den spät privilegierten Städten des Mittelalters und lässt sich immer noch dem Typ der Kleinstadt zurechnen, auch wenn dessen Hauptphase vor 1300 liegt. Charakteristisch für Kleinstädte, die in größerer Zahl unter anderem im fränkisch-hessischen Raum zu finden sind, ist die Abhängigkeit vom Landesherren, meist kleinerer Dynastien, und die Ausrichtung auf ältere Großstädte, wie es für Darmstadt Frankfurt im Norden und Worms und Speyer im Süden waren. Kleinstädte entstanden zumeist im Umkreis befestigter Amtsorte. Daher waren sie stärker auf die herrschaftlichen Raumgefüge ausgerichtet als auf das fernere Marktgeschehen. Für das einfache Handwerk und die Ackerbürger genügte der Nahmarkt.[13]

 

Battenberg grenzt Darmstadt gegenüber den Minderstädten Lichtenberg und Bieberau, die zwar 1312 privilegiert wurden, sich aber nicht entwickeln konnten, ab. Dennoch blieb der dörfliche Charakter der ursprünglichen Siedlung bis Anfang des 17. Jahrhunderts bestehen.[14]

 

Die beiden Darmstädter Siedlungskerne wurden zusammen mit noch unbebauten Flächen durch eine Mauer befestigt. Die Befestigung schloss in Osten und Südwesten an die Burg an (Bild 13). Daher ist der Burgwall zur Stadt hin abgetragen worden, nur der Wassergraben blieb erhalten. Damit war der topographische Dualismus zwischen Burg und Siedlung aufgehoben. Die Mauer umschloss mit ihrer ungefähren Länge von 1300 Metern etwa 13 Hektar.[15] Sie bestand, wie andere Mauern dieser Zeit, aus einer inneren und einer äußeren Mauer. Der Bereich dazwischen, etwa vier bis sechs Meter breit, diente zum Niederzwingen von Feinden, die die äußere kleinere Mauer überwunden hatten. Ein solcher Bereich wird daher als "Zwinger" bezeichnet. Vor der äußeren Mauer waren ein Wassergraben und ein kleiner Wall angelegt (Bild 22).[16]

 

Östlich der Burg verlief die Mauer eine Anhöhe hinauf und bog nach etwa 250 Metern hinter dem Arheilger Tor in einer großen Kurve nach Süden ab (Nordabschnitt). Ab dem Schlangenturm[17] führte sie bergab, zunächst in einer Geraden von etwa 60 Metern bis zum Runden Turm. Einige Meter hinter dem Turm knickte sie leicht in westliche Richtung ab und verlief etwa 200 Meter gerade bis kurz hinter den Hinkelsturm. Von hier aus, nach einem weiteren leichten Knick Richtung Westen, verlief sie etwa 150 Meter in gerader Linie, bis sie in der Höhe des Pädagogs ihre Richtung in einem Winkel von 120 Grad genau nach Westen änderte (Ostabschnitt). In dieser Richtung führte sie knapp 100 Meter bis hinter das Bessunger Tor, machte eine Biegung von 140 Grad in nordwestliche Richtung und lief in langem geradem Stück von knapp 300 Metern direkt auf den Weißen Turm zu. Von diesem knickte sie ab und schloss an die Süd-West-Ecke der Burg an (Süd/Westabschnitt).[18]

 

Der Bau der Darmstädter Mauer hat sich von 1330 bis in das erste Drittel des 15. Jahrhunderts erstreckt. Zwei Abschnitte sind festzustellen: Zunächst ist ab 1330 mit dem Bau der inneren Mauer begonnen worden. Sie hatte eine Höhe von bis zu acht Metern und eine Dicke von etwa einem Meter. Auf der Innenseite waren Arkaden vorgelagert, die den Wehrgang trugen. Die innere Mauer wurde ohne Fundament direkt auf den Felskies gegründet.[19]

 

Erst nach Fertigstellung der Innenmauer und dem Steuerprivileg von 1418 konnte ein zweiter Ring mit Zwinger, Graben, Wall und Vorwerken um die erste Mauer gezogen werden. Die äußere Mauer war nur etwa einen halben Meter stark und vier bis sechs Meter hoch. Dafür war diese bis zu vier Meter in den Boden gegründet, um Untergrabungen zu verhindern. Innen- und Außenmauer waren an strategisch wichtigen Stellen mit Türmen gesichert. Die Türme der inneren Mauer waren meist eckig und hoch, während der äußeren Mauer halbrunde Bastionstürme vorgelagert waren. [20]

 

Die ursprüngliche Darmstädter Verteidigungsanlage hatte, da dies die gefährdetesten Punkte waren, nur zwei Stadttore; im Süden das Bessunger und im Norden das Arheilger Tor.[21] Erst 1451 kam im Zusammenhang mit den Schlossumbauten das Neue Tor hinzu[22]. Ursprünglich befanden sich fünf Türme an der Stadtmauer, die alle an der inneren Mauer standen: Schlangenturm, Runder Turm, Hinkelsturm, Mühlturm und Weißer Turm (Bild 13).[23]

 

Vergleichbare Verteidigungsmauern sind in anderen Städten schon seit Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden. Daher war die Darmstädter Anlage bald nach der Fertigstellung wehrtechnisch veraltet. Der Darmstädter Mauer entsprach die nach 1333 für die Frankfurter Stadterweiterung begonnene Ummauerung.[24]

 

Der Verteidigungswert der Darmstädter Mauer war nicht nur durch die veraltete Bauweise gemindert. Schon im 14. Jahrhundert wurde die wichtige Ringstraße an einigen Stellen, zunächst durch Adelshöfe wie dem noch bis 1944 bestehenden Frankensteiner Hof, überbaut. In diesen Fällen ging der Wehrgang durch private Räume. Ab dem 16. Jahrhundert baute die zunehmende Bevölkerung dann immer dichter an die Mauer heran. Das war zwar gegen die Gesetze, wurde aber von der Obrigkeit nicht verfolgt.[25]

 

Seit dem 14. Jahrhundert wurde die Verteidigung der Mauer vermutlich in vier Wehrbezirke, so genannte Letze (Bild 13), eingeteilt. Deren Bürger unterstanden je zwei Letzmeistern, die die Verteidigung eines Mauerabschnittes organisierten.[26]

 

Die Heirat von Wilhelm II. mit Else von Hanau 1355 bedingte einen Ausbau der Wasserburg. An den ursprünglichen Herrenbau, den Palas, wurde ein hölzerner Fachwerkbau angefügt, 1377 die Burgkapelle geweiht. Ein weiterer Ausbau ist ab 1449 verzeichnet. Philipp der Jüngere ließ den Herrenbau nach Süden verlängern (Bild 18a). Battenberg bezeichnet die Burg erstmals als Schloss, das in den Ausmaßen zwar bescheiden war, den Ansprüchen der Hofhaltung aber genügte. Im Westen, zwischen Burg und Stadtmauer, ist 1451 wohl aus praktischen Gründen der Burgandienung das Neue Tor in die Stadtmauer eingebaut worden (Bild 18b).[27]

 

Die zweite größere öffentliche Baumaßnahme nach der Stadtbefestigung war der Ausbau der 1369 von der Bessunger Kirche gelösten und zur Stadtkirche erhobenen Darmstädter Kapelle. Dieser erste Ausbau der Stadtkirche begann schon in der Mitte des 14. Jahrhunderts und muss um 1380 abgeschlossen gewesen sein. Etwa zwischen 1420 und 1430 ist die Stadtkirche nochmals ausgebaut worden. Dieser zweite Umbau prägt das noch heute bestehende Aussehen der Kirche.[28] .

 

Battenberg vermutet in dem Schultheißenbau, der in der Oberstadt (Langgasse 43) stand, das erste Gebäude für bürgerliche Versammlungen. Ein erstes von den Bürgern errichtetes Verwaltungsgebäude, das in den Quellen von 1397 und 1415 als "Spilhus" bezeichnet wird, kam als Rathaus am Marktplatz der Unterstadt dazu.[29]

 

Die Stadtregierung in der Zeit der Katzenelnbogner lag hauptsächlich bei den 14 Schöffen, aus denen sich in späterer Zeit der Stadtrat entwickelte. Das Schöffengericht hatte im 14. Jahrhundert neben den gerichtlichen Aufgaben die städtische Verwaltung inne. Dennoch blieb bis zum Ende des 16. Jahrhunderts das wichtigste politische Amt das des landesherrlichen Schultheißen. Die Stadt verfügte noch nicht über selbständige Herrschaftsorgane. Erst allmählich beschränkte sich die Tätigkeit des Schultheißen auf die Gerichtsbarkeit. Seine Aufgaben gingen allmählich an das in Darmstadt erstmals ab 1456 erwähnte Bürgermeisteramt über. Dieses war, wie im Mittelalter vielfach üblich, zweigeteilt. Battenberg führt dies auf Gegensätze zwischen Rat und Bürgerschaft zurück, die durch die Zweiteilung ausgeglichen werden sollten. Weitere Ämter sind aus den Quellen nicht zu erschließen, können aber, so Battenberg, vermutet werden.[30]

 

In der Stadt lagen im Bereich der Unterstadt, zwischen Markt und Stadtkirche, etwa ein Dutzend Adelshöfe. Der in der Nähe des Bessunger Tores liegende Frankensteiner Hof ist als einziger zu lokalisieren, er bestand bis 1944. Dieser Hof war mit Mauer und Torturm befestigt. Die Bebauung zwischen Marktplatz und Stadtkirche dürfte bereits im 15. Jahrhundert städtischen Charakter gehabt haben.[31]

 

1479 starb das Geschlecht der Katzenelnbogner aus. Der Besitz fiel an Landgraf Heinrich III. von Oberhessen, der von Marburg aus regierte. Er starb 1483. Darmstadt, das zu dieser Zeit etwa 1000 Einwohner hatte, war für die nächsten Jahrzehnte wieder politisch bedeutungslos. Die Stadt hatte, trotz Mauer, noch immer den Charakter eines ackerbürgerlichen Dorfes.[32]

 



[1]        Deppert/Häussler, Altstadt, S. 12. Hier ist nur der ursprüngliche Kern, ohne die Alte Vorstadt so bezeichnet.

[2]        Wiest, Stationen, S. 143. Ein Teil der westlichen Altstadt zählte ab den 1820er Jahren zum Geschäftsviertel. Die Darstellungen von Wiest, Stationen, S. 143 und Deppert/Häussler, S. 12 sind hinsichtlich der Abgrenzung von Altstadt, Alter Vorstadt und Geschäftsviertel widersprüchlich. Die Bezeichnung Altstadt für den 1330 ummauerten Kern, die Alte Vorstadt und den Schloßgartenbereich ist auch in Fries, Denkmaltopographie, S. 70 zu finden. Darüber hinaus wird hierzu aber auch noch die erste Erweiterung der Neuen Vorstadt (ab 1669) gezählt. Wiest rechnet diese nicht mehr zur Altstadt, sondern schon zur Mollerstadt. Da die westliche Stadterweiterung die Marginalisierung der Altstadt einleitete, soll Wiest gefolgt werden. Heute gehört der Bereich der Alten Vorstadt zum Martinsviertel (Zimmer, Martinsviertel, S. 13).

[3]        Battenberg, Anfänge, S. 22; Sabais, Ortsname, S. 21. So vermutet schon Ackermann, Wasserburg, S. 16, daß der Name Darmstadt auf die ursprüngliche Bezeichnung einer Stätte ("stat") eines kaiserlichen Forstbeamten zurückzuführen sein könnte. Neuere Interpretationsversuche (Battenberg, Anfänge, S. 22; Sabais, Ortsname, S. 25) leiten "Darmundestat" von einer Funktionsbestimmung her. So drückt "mund" oder "munt" ein persönliches Schutzverhältnis aus, "darre" ist ein Tor oder Hindernis. "Darmundestat" könnte also als ursprünglich mit Holzverschlag geschützte, oder an einem befestigten Durchgang gelegene Siedlung vermutet werden. Sabais, Ortsname, S. 25, schließt auch die Möglichkeit, den Namen vom Darmbach, als Stätte am Wildbach (Dam - unda - stat), oder Moorbach (Darm - unda - stat) herzuleiten, nicht aus. Daß Darmstadt vom Namen Darmund, Darimund oder Tarimundis abzuleiten ist, verweisen Ackermann, S. 16, Battenberg, Anfänge, S. 22 und Sabais, Ortsname, S. 22f, in den Bereich der Spekulation.

[4]        Battenberg, Anfänge, S. 21ff, 130.

[5]        Battenberg, Anfänge, S. 26, sieht hierfür keine archäologischen oder schriftlichen Belege. Ackermann, Wasserburg, S. 18 hält diese Möglichkeit für wahrscheinlich.

[6]        Battenberg, Anfänge, S. 23ff, 33; Ackermann, Wasserburg, S. 16; Isenmann, Spätmittelalter, S. 42. Diese topographische Struktur wird auch als "Burgstadt" bezeichnet (Engel, Deutsche Stadt, S. 26f).

[7]        Battenberg, Anfänge, S. 30ff.

[8]        Battenberg, Anfänge, S. 40. Den Bereich der Unterstadt bezeichnet Battenberg, S. 33, als Neugründung.

[9]        Battenberg, Anfänge, S. 35, 40f; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 30; Sabais, Ortsname, S. 24. Battenberg sieht auch die Anzahl von 14 Schöffen als Beleg für ehemals zwei unabhängige Siedlungskerne. Da die "heiligen" Zahlen 7 oder 12 üblich waren, ist anzunehmen, daß der ursprüngliche Kern der Oberstadt sieben Schöffen hatte, zu denen sieben weitere in der Unterstadt hinzukamen.

[10]       Battenberg, Anfänge, S. 40.

[11]       Battenberg, Anfänge, S. 34, 40; Ackermann, Wasserburg, S. 19; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 30.

[12]       Battenberg, Anfänge, S. 33. Nach Engel, Deutsche Stadt, S. 86, ging von Frankfurt eine Stadtrechtsfamilie aus, zu der wohl auch Darmstadt gehört hat.

[13]       Isenmann, Spätmittelalter, S. 28; Ackermann, Wasserburg, S. 19.

[14]       Battenberg, Anfänge, S. 32f.

[15]       Herbig, Mittelalter, S. 28ff; Battenberg, Anfänge, S. 34.

[16]       Herbig, Mittelalter, S. 29f; Isenmann, Spätmittelalter, S. 42, 48f. Die Bezeichnung "Zwinger" kommt von "niederzwingen". Da im Zwinger zeitweise auch Hunde des Hofes gehalten wurden - dies macht auch die Bezeichnung "Hundställer Turm" deutlich - kann der Irrtum entstehen, "Zwinger" leite sich von "Hundezwinger_ ab.

[17]       Der Name kommt von den darin aufbewahrten "Feldschlangen", kleinkalibrigen Geschützen (Herbig, Mittelalter, S. 30).

[18]       Fries, Stadtbefestigung, S. 36; Battenberg, Anfänge, S. 38.

[19]       Herbig, Mittelalter, S. 29; Battenberg, Anfänge, S. 34.

[20]       Herbig, Mittelalter, S. 28f; Battenberg, Anfänge, S. 34.

[21]       Dieses Tor wurde auch als Mokentor bezeichnet (Battenberg, Anfänge, S. 34).

[22]       Battenberg, Anfänge, S. 34f. Ackermann, Wasserburg, S. 50, spricht dagegen von drei ursprünglichen Toren. Dieses dritte, das Frankfurter Tor, ist auch bei Battenberg, Anfänge, S. 113, auf dem Stadtplan mit der Nr.16, als "kleines Arheilger Tor" abgebildet (Bild 13). Wann dieses erstmals erwähnt wurde, sagt Battenberg nicht. Erst Wolf, Jahrhunderte, S. 167, weist für 1645 auf das Frankfurter Tor hin. Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 36, erklärt das Tor als einen erst 1675 erfolgten Durchbruch für den inneren Verkehr zur Anbindung der Vorstadt. Nach Wolf, Jahrhunderte, S. 270, wurde das Tor 1739 wieder abgebrochen, der Durchgang 1772 versperrt. Bei Zimmermann, Schloß, S. 14, findet sich dieses Tor am Schloßgraben als Arheilger Tor schon um 1377.

[23]       Battenberg, Anfänge, S. 34, 113. Battenberg spricht von einzelnen Rundtürmen und in unregelmäßigen Abständen errichteten Rechtecktürmen der inneren Mauer. Auf Bild 13 ist aber der Hinkelsturm als einziger Turm der ursprünglichen Mauer in Rechteckform dargestellt. Die Zahl der Türme ist mit der Stadterweiterung gestiegen. Für den neuen Mauerabschnitt erwähnt Haupt, Baugeschichte, Bd. 1, S. 34, nur den Turm am Cafe Oper. An der alten Mauer wurde nach Haupt ab 1663 der Hundställer Turm im Osten angebaut. Heute haben sich von diesen Türmen nur noch der Weiße Turm, der Hinkelsturm und eine halbrunde Bastion erhalten.

[24]       Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 30; Battenberg, Anfänge, S. 34; Herbig, Mittelalter, S. 33.

[25]       Fries, Stadtbefestigung, S. 39; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 41. Ernst Wörner beschrieb die Mauer und den Umgang mit ihr 1886 sehr beschönigend: "Die Stadtmauer in Stand zu halten, bei ihrer Anlage alle Sorge anzuwenden, war dringend Pflicht; sie war jedem einzelnen so wichtig, wie die Pflege seiner eigenen Hofreite". Weiter schrieb er, "Für einen Angreifer ... boten sich sonach sehr geringe Chancen" (Wörner, Ernst, Die Mauer um die Altstadt, 1886, nach Herbig, Mittelalter, S. 34f). Daß dies so nicht zutraf, zeigen schon die Angriffe von 1518 und 1546 (siehe 3.3.).

[26]       Battenberg, Anfänge, S. 40f, 45; Herbig, Mittelalter, S. 31.

[27]       Zimmermann, Schloß, S. 16f; Battenberg, Anfänge, S. 28.

[28]       Battenberg, Anfänge, S. 35; vgl. Bild 38.

[29]       Battenberg, Anfänge, S. 36f; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 59, 103, vermutet noch das Nebeneinander von Spielhaus und Rathaus, so daß mit dem Schultheißenbau drei öffentliche Gebäude bestanden hätten. Battenberg hält dies für unwahrscheinlich.

[30]       Battenberg, Anfänge, S. 41ff, nennt für die öffentliche Ordnung außerdem die kontrollierenden Aufgaben der "Vierer" und die dem Bürgermeister nahestehenden Heimbürger. Letzterem oblagen die städtischen Gebäude und Liegenschaften. Dazu kam das Amt des Waldförsters, das seinen Ursprung auch schon in vorstädtischer Zeit hatte.

[31]       Battenberg, Anfänge, S. 37f; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 41. Diesen mittelalterlichen Zustand hat Buxbaum für um 1570 rekonstruiert (Deppert/Häussler, Altstadt, S. 33).

[32]       Battenberg, Anfänge, S. 47f; Zimmermann, Schloß, S. 18; Fries, Denkmaltopographie, S. 24.

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