FREUNDESKREIS STADTMUSEUM DARMSTADT E.V.

ALTSTADTMUSEUM HINKELSTURM

*** geöffnet von April - Oktober, samstags und sonntags von 14 - 16 Uhr ***

          1. Stadtgründung

          2. Die Nebenresidenz

          3. Die Alte Vorstadt

          4. Die Neue Vorstadt

          5. Die Mollerstadt

          6. Die Gründerzeit

          7. Das 20. Jahrhundert

      ©Freundeskreis Stadtmuseum, 2004

 

Die Geschichte der Darmstädter Altstadt-

4. Die Neue Vorstadt

Auszug aus der Examensarbeit von Jörg Harbrecht 'Denkmalpflege und Geschichts-unterricht am Beispiel der Darmstädter Altstadt', erarbeitet 1998 an der Johann Wolfgang Goethe - Universität in Frankfurt am Main

Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Aufnahmen

Bild 26

Drei Öffnungen in der äußeren Mauer unterhalb des Turmbodens vom Zwinger gesehen. Vermutlich handelt es sich um Dübellöcher, die die Mauer bis zum Abbinden des Mörtels stabilisieren sollten (August 1998).

Bild 27

Ausflickungen in der Mauer zeigen die verschiedenen Nutzungen. Hier ist ein ehemaliger Stall mit Bodenpflasterung und Eisenringen an der Wand zu erkennen (August 1998).

Bild 28

Hinkelsturm auf Stadtansicht von Merian, 1626 (Ausschnitt). Der Turm trägt ein spitzes Zeltdach mit Dachreiter (Heiss, Stadtmauer, S. 14).

Bild 29

Darmstadt von Osten nach einem Gemälde von Tobias Sonntag und Adam Eger um 1755. Von links nach rechts sind zu sehen: Stadtkapelle auf dem Friedhof, Pädagog, Stadtkirche, Hinkelsturm mit Zeltdach (ohne Dachreiter), Weißer Turm, Schloss, Runder Turm und Schlangenturm. Das Bild gibt einen guten Eindruck der Stadt zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Allerdings ist zumindest am Schloss ein perspektivischer Fehler festzustellen: Der Nord-West-Pavillon dürfte nicht zu sehen sein (Stadt Darmstadt - Magistrat, Barock und Rokoko, S. 292).

Bild 30

Stadtansicht von Johann Jakob Hill, 1775. Hinkelsturm ohne Dach, bzw. mit Flachdach. Der Hinkelsturm ist oberhalb des Stadtkirchturms, leicht nach links versetzt zu erkennen. Im Vordergrund die Neue Vorstadt (Heiss, Stadtmauer, S. 6).

Bild 31

Hinkelsturm mit Behelfsdach seit dem 19. Jahrhundert. Die Bebauung des Zwingerbereiches mit Wohngebäuden und Ställen wird hier deutlich (Ebner, Das alte Darmstadt, S. 59).

Bild 32

Hinkelsturm im Ruinenzustand, September 1992. Das Gelände an der Stadtmauer ist noch nicht mit der Stadtbibliothek überbaut.

Bild 33

Stadtmauerfragment in der unteren Erich-Ollenhauer-Promenade am Schloss. Im Hintergrund der Stadtkirchturm. Am Neuschloss sind die unfertigen Rückwände zu erkennen. (August 1998).

Die Neue Vorstadt

Noch vor dem Ende des Krieges 1697 legte Ernst Ludwig von Gießen aus die Grundlagen für den Ausbau Darmstadts. Ab 1695 begann man mit der Anlage der Neuen Vorstadt im Westen des Schlosses (Bilder 3 und 30). Für diesen Standort war, nach Haupt, die verkehrsgünstige Lage nahe der Landstraße von Heidelberg nach Frankfurt ausschlaggebend. Die Planung zur Vorstadt war anfänglich von der Ansiedlung hugenottischer Flüchtlinge ausgegangen, um wirtschaftliche Vorteile zu erlangen. Dieses Projekt sah 270 Häuser und einen Schiff-Fahrtskanal zum Rhein vor, kam jedoch nicht zustande.[1]

 

Hauptmerkmal der Neuen Vorstadt ist eine vom Schloss ausgehende Hauptachse nach Griesheim. Die Bebauung der Grundstücke zeigt Parallelen zur Alten Vorstadt. Auch hier gab es eine einheitliche Bauordnung, gestelltes Baumaterial und eine Befreiung von den Grundlasten für zehn, später zwölf Jahre. Bis zum Ausbruch des spanischen Erbfolgekrieges 1702 konnten nur wenige Häuser entlang der späteren Rheinstraße errichtet werden, nach 1708, noch während des Krieges, wurde weitergebaut. Gemessen am barock-absolutistischen Anspruch dieser Zeit war das Ausgeführte wegen der bescheidenen Mittel unvollständig, blieb aber dennoch richtungweisend für Darmstadts Entwicklung bis weit ins neunzehnte Jahrhundert.[2]

 

Auch die Neue Vorstadt ist noch befestigt worden, zunächst mit einer hölzernen Palisade. 1745 wurde diese durch eine etwa eineinhalb Meter hohe Mauer ersetzt. Für die Stadterweiterung ist die Stadtmauer des 14. Jahrhunderts im Westabschnitt niedergelegt worden. Erhalten blieb der Weiße Turm, der 1706 bis 1708 zum repräsentativen Glockenturm aufgestockt wurde (Bilder 34 und 36). Ein letztes Stück Mauer blieb bis 1886 am Weißen Turm erhalten, auch in einigen Hinterhöfen waren Teile verbaut.[3]

 

Neben der Vorstadt ließ Ernst Ludwig weitere repräsentative Bauprojekte in Angriff nehmen. An erster Stelle stand die Errichtung des Schlosses, nachdem die Kanzlei 1715 abgebrannt war. Entsprechend der absolutistischen Zeit sollte de la Fosse eine gewaltige Vierflügelanlage an Stelle des gesamten Altschlosses setzen. Dieses Schlossbauprojekt überforderte die Darmstädter Mittel und Verhältnisse aber bei weitem, so dass bis zum Tode de la Fosses 1726 nur zwei Flügel - größtenteils im Rohbauzustand - fertig gestellt wurden (Bilder 7, 18d und 33).[4]

 

Das zweite große Bauprojekt, ein 1719 begonnenes Orangerieschloss, blieb ebenso Fragment. Dafür wurde das Darmstädter Umland ab 1708, zum Leidwesen der Bevölkerung, mit Schneisen und Jagdschlössern für die Parforcejagd erschlossen. Unter der Regierung Ernst Ludwigs stieg die Verschuldung des Staatshaushalts, vor allem wegen der großen Bauprojekte, auf über 4 Millionen Gulden.[5]

 

Die Veränderungen im Altstadtbereich, so Wolf, lassen sich im Einzelnen nicht mehr feststellen. Es ist aber davon auszugehen, dass durch Zuzüge eine weitere Verdichtung stattgefunden hat. Infolge der Kriege leerstehende und verfallende Gebäude dürften ersetzt oder modernisiert worden sein. 1735 entstand in der Ochsengasse die erste Synagoge. Es ist festzustellen, dass in den Vorstädten überwiegend Beamte, aber nur wenige Kaufleute lebten, während die mittelalterliche Altstadt dem anderen Teil der Bevölkerung, vor allem Handwerkern und Kaufleuten vorbehalten blieb.[6]

 

Ganz im Sinne dieser absolutistisch geprägten Zeit fanden Reformen in der Stadtverfassung und im Zunftwesen statt. Bürgermeister und Rat der Stadt mussten sich ein stärkeres Eingreifen der staatlichen Verwaltung gefallen lassen.[7]

 

Die Einwohnerzahl Darmstadts stieg unter der Regierung Ernst Ludwigs, vor allem wegen des vergrößerten Beamten- und Offizierscorps, von 1500 (1695) über 3000 (1721) und erreichte 1740 etwa 5000. Damit vollzog sich ein Übergang vom eher ackerbürgerlich-handwerklichen Charakter der Stadt zur Residenzgesellschaft.[8]

 

Nach dem Tode Ernst Ludwigs im Jahre 1739 trat Ludwig VIII. die Regierung an. Er vernachlässigte, auch wegen der hohen Verschuldung, den weiteren Ausbau Darmstadts. Dafür vergrößerte er den Jagdapparat und residierte hauptsächlich im Jagdschloss Kranichstein. Die wenigen Bauten unter der Regierung Ludwigs VIII. waren ein Palais am Marktplatz (Bild 47) und ein großes, durch Spenden finanziertes Waisenhaus vor dem Bessunger Tor. Zahlreiche neue Verordnungen regelten vor allem Fragen der Sicherheit und die öffentliche Ordnung. Infolgedessen wurde erstmals 1765 eine öffentliche Straßenbeleuchtung installiert.[9]

 

Die Truppen des österreichischen Erbfolgekrieges (1740-48) quartierten sich 1743 in Darmstadt ein. Der siebenjährige Krieg (1756-63) hatte dagegen kaum nachteilige Auswirkungen. [10]

 

Mit Ludwig IX. wurden ab 1768 drastische Sparmaßnahmen zum Abbau der Staatsverschuldung eingeleitet. Dies betraf in erster Linie den Jagdapparat. Von Bedeutung war die Beauftragung des Staatsrechtlers Karl Moser 1772 mit einer großen Finanz- und Wirtschaftsreform. Die dafür aufgestellte sehr genaue Landesstatistik lässt für 1777 9038 Einwohner errechnen. Für diese standen 574 Gebäude, davon 453 zu Wohnzwecken, zur Verfügung.[11]

 

Moser ließ ab 1777 für die Verwaltung am Luisenplatz das noch heute stehende Kollgiengebäude errichten. Die Abschaffung der Folter 1769 und eine Humanisierung des Strafvollzuges waren weitere positive Auswirkungen des Regierungswechsels. Da Ludwig IX. von Pirmasens aus regierte, sank Darmstadt politisch weiter in die Bedeutungslosigkeit ab. Während der Abwesenheit Ludwigs residierte seine Frau, die nachmalige Große Landgräfin Caroline in Darmstadt.[12]

 

Wegen der Militärleidenschaft Ludwigs entstanden dennoch auch in Darmstadt große Militärbauten. So wurde die etwa seit 1750 vorhandene Infanteriekaserne in der Alten Vorstadt ausgebaut. Zwischen Schloss und Schlossgarten entstand 1771/72 ein für damalige Verhältnisse ungewöhnlich großes und teures Exerzierhaus. [13]

 

Ludwig X. (1790-1830) regierte wieder von Darmstadt aus. Unter seiner Regierung vollzog sich der Wechsel vom Ancien regime zum modernen Staat. Zunächst bestimmte die französische Revolution die Politik. Nach der Kanonade von Valmy 1792 brachte sich die Darmstädter Regierung außerhalb Darmstadts in Sicherheit. 1795 und 1806 kam es zu französischer Besatzung. Nach dem Beitritt Hessens zum Rheinbund am 16.7.1806, wurde Ludwig durch Napoleon zum Großherzog Ludwig I. erhoben. Damit kam Darmstadt, auch durch den Gebietszuwachs, noch größere Bedeutung zu. [14]

 

Der Wiener Kongress führte zu einer günstigeren Grenzziehung für Hessen-Darmstadt. Zunächst regierte Ludwig I. absolutistisch. 1820 erhielt Darmstadt eine liberale landständische Verfassung, die in den nachfolgenden Jahren wieder verschärft worden ist.[15]

 

Auch die Bevölkerungsentwicklung macht die Veränderung Darmstadts unter der Regierung Ludwigs I. deutlich. Entsprach die Einwohnerzahl im Jahr 1800 mit 9853 noch weitgehend den letzten beiden Jahrzehnten, so waren es 1815 schon 15.000 und 1820 dann 18.900.[16] Davon entfielen 53,3% der Haushaltungsvorstände auf die Altstadt, in der 465 Gebäude bei 804 in der Gesamtstadt standen. 1828 sind dann 21.392[17] Einwohner in Darmstadt gemeldet gewesen, davon entfiel ein Drittel auf Staatsdiener und Soldaten. Die Zahl der Wohnhäuser lag 1828 bei 1290, deren Anzahl bis 1846 nur noch unwesentlich auf 1376 stieg. [18]

 

Der politischen Entwicklung und der Zunahme der Bevölkerung entsprach der Ausbau der Stadt. Zunächst vervollständigte man die unter Ernst Ludwig begonnene Vorstadt. 1791 arbeitete Helfrich Müller einen Erweiterungsplan aus. Nach diesen ersten Anfängen verhinderten die politischen Ereignisse den zügigen Weiterbau, der erst nach dem Friedensschluss von Campo Formio 1797 aufgenommen werden konnte. Eine erneute Unterbrechung dauerte bis 1803. Der Luisenplatz erhielt mit dem nachmaligen Alexanderpalais seine endgültige Platzform. Bis 1805 war man an der Grafenstraße angelangt.[19]

 

 


[1]        Wolf, Jahrhunderte, S. 216ff; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 16, 73.

[2]        Wolf, Jahrhunderte, S. 216ff; Haupt, Baudenkmäler, S. 73. Nach Wolf wurde die Neue Vorstadt an der Stelle angelegt, wo die Mauer von der französischen Besatzung schon niedergelegt war. Denkbar wäre aber auch, daß der Abbruch der Mauer an gerade dieser Stelle zwei Jahre zuvor schon im Hinblick auf den Bau der Vorstadt geschehen ist. Dies wäre an städtebaulichen Gesichtspunkten und den noch vorhandenen Unterlagen genauer zu untersuchen. Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. S. 73, bemerkt immerhin, daß schon 1684/85 die Bezeichnung "Neue Vorstadt" für diese Stelle gebräuchlich war, auch wenn nicht unbedingt gleich eine Wohnbebauung vorgesehen war.

[3]        Fries, Stadtbefestigung, S. 38.

[4]        Wolf, Jahrhunderte, S. 223f.

[5]        Wolf, Jahrhunderte, S. 216, 224ff, sieht die Verschuldung darin begründet, daß Ernst Ludwig "jedes Augenmaß für die Realitäten des kleinen und armen Landes" verloren hatte. Die Beamten der Rentenkammer hätten dagegen schon vor dem Schloßbau vor dem finanziellen Zusammenbruch gewarnt. Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 16f, sieht die Baumaßnahmen Ernst Ludwigs als berechtigt an, den finanziellen Zusammenbruch führt Haupt auf eine unfähige Verwaltung und die Not der Zeit zurück.

[6]        Wolf, Jahrhunderte, S. 218, 243.

[7]        Wolf, Jahrhunderte, S. 234ff.

[8]        Wolf, Jahrhunderte, S. 230, 244; Siehe Bild 5.

[9]        Wolf, Jahrhunderte, S. 250, 259f.

[10]       Wolf, Jahrhunderte, S. 251.

[11]       Wolf, Jahrhunderte, S. 272. Ackermann, Wasserburg, S. 31 gibt für 1777 nur etwa 7000 Einwohner an und begründet dies mit dem nach Pirmasens verlegten Hof (Bild 5).

[12]       Wolf, Jahrhunderte, S. 265ff.

[13]       Wolf, Jahrhunderte, S. 266. Die Verschwendung wird offensichtlich, da ein erstes Exerzierhaus 1769 fertiggestellt, schon ein Jahr später für den dann entstandenen Bau wieder abgebrochen wurde.

[14]       Wolf, Jahrhunderte, S. 286ff; Franz, Biedermeier, S. 294f, 318.

[15]       Franz, Biedermeier, S. 300, 308.

[16]       Siehe Bild 5.

[17]       Franz, Biedermeier, S. 309. Die 21.392 Einwohner setzten sich wie folgt zusammen: 8885 Bürger, 4423 Staatsdiener, 2933 auf Dauer stationierte Soldaten und 656 "Tolerierte" (hierzu zählten auch die 415 Juden).

[18]       Franz, Biedermeier, S. 328; Wiest, Stationen, S. 33, 158. Der bei Wiest zugrundeliegende Altstadtbegriff schließt die Alte Vorstadt ein.

[19]       Wolf, Jahrhunderte, S. 280ff, 292f.

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