FREUNDESKREIS STADTMUSEUM DARMSTADT E.V.

ALTSTADTMUSEUM HINKELSTURM

*** geöffnet von April - Oktober, samstags und sonntags von 14 - 16 Uhr ***

          1. Stadtgründung

          2. Die Nebenresidenz

          3. Die Alte Vorstadt

          4. Die Neue Vorstadt

          5. Die Mollerstadt

          6. Die Gründerzeit

          7. Das 20. Jahrhundert

      ©Freundeskreis Stadtmuseum, 2004

 

Die Geschichte der Darmstädter Altstadt-

5. Die Mollerstadt: Erster Wegzug aus der Altstadt

Auszug aus der Examensarbeit von Jörg Harbrecht 'Denkmalpflege und Geschichts-unterricht am Beispiel der Darmstädter Altstadt', erarbeitet 1998 an der Johann Wolfgang Goethe - Universität in Frankfurt am Main

Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Aufnahmen

Bild 34

Weißer Turm als kurzer runder Wehrturm nach Peter Rodingh 1676 (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 22).

Bild 35

Weißer Turm, Nachkriegszustand mit zusätzlichem Zwischengeschoß, September 1998.

Bild 36

Weißer Turm, Vorkriegszustand. Auf der Aufnahme von 1869 ist die neu erschlossene Ernst-Ludwigstraße und die noch enge Bebauung um den Turm zu sehen (Haupt, Baudenkmäler Bd. 2, S. 23).

Bild 37

Rekonstruktion des Verbindungstunnels (Heiss, Tunnel, S. 65).

Bild 38

Grundriss der Stadtkirche mit den Daten der Erweiterungen (Knodt, Stadtkirche, S. 9).

Bild 39

Stadtkirche in Ansicht und Aufriss (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 127).

 

Die Mollerstadt: Erster Wegzug aus der Altstadt

1810 beauftragte Ludwig I. Georg Moller mit der weiteren Planung der neuen Weststadt (Bild 1). Moller legte den endgültigen Bebauungsplan und die Begrenzungen durch die neuen Stadttore fest. Bereits 1809 wurde über die barocke Vorstadtmauer von 1745 hinausgebaut. Die neue "Mollerstadt", in den folgenden Jahren entlang der barocken Hauptachse (Rheinstraße) und einer neuen kreuzenden Straße (Neckarstraße) entwickelt, war großzügig bemessen und folgte einem einheitlichen Bebauungsplan. Den neuen Stadtteil umgab keine Stadtmauer mehr, lediglich Torbauten an den Hauptachsen vermittelten einen optisch-architektonischen Einlas in die Stadt und dienten als Zoll- und Grenzstationen. Auch in die alte Mauer sind im Osten und Südosten Öffnungen gebrochen worden. Das Bessunger Tor fiel 1803/04. Um 1810 folgte das Sprentzentor, 1825 wurde als letztes das Jägertor abgebrochen.[1]

 

In der schnell wachsenden Stadt wurden zahlreiche repräsentative Gebäude hauptsächlich in der Neustadt erstellt. Während für diese die Oberbaudirektion unter Moller zuständig war, lagen Bauvorhaben in der Alten Vorstadt, dem Marktbereich und außerhalb der Stadt in der Zuständigkeit von Polizei und Bauverwaltung. In der Altstadt hatte der Gemeinderat allein zu entscheiden.[2]

 

Pläne Mollers, das Schloss als Vierflügelanlage zu vervollständigen, wurden 1812 und 1833 abgelehnt. Er baute lediglich die bestehenden Neuschlossflügel aus und legte im 1804 trockengelegten Schlossgraben einen botanischen Garten an. Seit 1820 bestanden Abbruchpläne für die baufällige Stadtkirche. Unter Beibehaltung von Turm und Chor wurde diese dann aber ab 1843 mit dem weitgehenden Neubau des Langhauses wieder instand gesetzt. Ab 1825 entstanden erste Kasernen westlich der Neustadt. Ebenso ist 1826 der heutige Alte Friedhof als Ersatz für den Friedhof am südöstlichen Rand der Altstadt angelegt worden.[3]

 

Die Stadterweiterung Mollers konnte für den Altstadtbereich nicht ohne Folgen bleiben. Bereits 1815 schrieb Philipp August Pauli: "Die Altstadt hat keine freundliche Ansicht, sie ist nach alter Art angelegt; die Straßen sind enge und kein Haus zeichnet sich durch Architektonik aus".[4] 1823 erschien der Begriff "Alte Stadt" erstmals auf einer Stadtkarte.[5] Die soziale Lage der Altstadt bis 1820 bezeichnet Wiest in seiner Untersuchung als gutbürgerlich. Vor allem der Bereich der Alten Vorstadt zählte noch immer zur besten Wohnlage. Nach 1820 wanderten die sozial besser gestellten Schichten, vor allem höhere Beamte und Adelige, immer rascher in die Weststadt ab. Es wurde aber auch versucht, etwa durch Schaufenstereinbauten, mit den modernen Kaufhäusern und Läden in der Vorstadt mitzuhalten.[6]

 

Dennoch verlagerten wohlhabende Kaufleute und Handwerker ihre Geschäfte und Wohnungen zunehmend in den neuen Stadtteil. In die aufgegebenen Quartiere zogen sozial Schwache, die den Raum enger bewohnten. Ein Wechsel der sozialen Verhältnisse führte zur allmählichen Verelendung des Altstadtbereiches.[7]

 

Die Mauer der Altstadt ist schon im 18. Jahrhundert, zunächst hauptsächlich im Westabschnitt, durch anlehnende Bebauung immer mehr verdeckt worden, so dass sie an vielen Stellen nicht mehr zu erkennen war. Jetzt verstärkte sich diese Bebauung auch auf dem Nord- und Ostabschnitt, im Zwingerbereich entstanden an einigen Stellen Fischteiche. Die Mauer wurde als Steinbruch benutzt, man brach sie dort ab, wo sie baufällig oder im Wege war. Dennoch blieb gerade der Ostabschnitt immer noch, von einigen Straßendurchbrüchen abgesehen, relativ vollständig erhalten. Hier diente die Mauer vielfach als Hauswand, in die auch Fenster hineingebrochen worden sind. 1830 erfolgte der Durchbruch an der Runde-Turm-Straße. [8]

 

Neben der geplanten Mollerstadt entwickelte sich im Nordosten hinter der Alten Vorstadt das ungeplante spätere Martinsviertel. Die Anfänge bildeten großherzogliche Wirtschaftsgebäude und Gardistenhäuser[9] (Bilder 1 und 2).

 

Der Regierungsantritt Ludwigs II. stand unter den Spannungen der Juli-Revolution. Die Auswirkungen auf Darmstadt waren dennoch bescheiden. Politische Aktivitäten beschränkten sich vor allem auf das Vereinswesen. 1836/37 ist dann aber das Ständehaus am Luisenplatz eingerichtet worden. Die Stadterweiterung Mollers wurde unter Ludwig II. (1830-1848) fortgesetzt; sie genügte dem Wachstum der Stadt bis zum Beginn der Industrialisierung ab der Jahrhundertmitte. Zwischen 1841 und 1844 ist die Ludwigssäule auf dem Luisenplatz errichtet worden.[10]

 

Von 1828 bis 1846 stieg die Zahl der Wohngebäude in Darmstadt nur um 86 auf insgesamt 1376. Gebaut wurde hier vor allem in der Wilhelminenstraße, Richtung Bessungen. Währenddessen ließ die soziale Not zwischen den Revolutionen die Altstadt erstmals zur Problemzone werden.[11] 1837 waren 23.587 Einwohner verzeichnet, 10 Jahre später 26.300.[12] Die für diese Notjahre andernorts üblichen Auswanderungen nach Amerika setzten in Darmstadt erst ab 1847 ein.[13]

 

Die Märztage nach der 1848er Revolution brachten auch in Darmstadt Unruhen. Der Landtag beantragte eine Nationalvertretung für den Bundestag. Der Regierungswechsel vom Sommer 1848 war nicht in revolutionärer Absetzung begründet, sondern durch den Tod Ludwigs II. Sein Sohn Ludwig III. regierte von 1848 bis 1877.[14]

 
 

[1]        Franz, Biedermeier, S. 296; Fries, Denkmaltopographie, S. 32ff.

[2]        Franz, Biedermeier, S. 296, 302f, 310. So entstanden unter anderem ab 1809 der Marstall, 1817 das Casino und 1822-27 die katholische St. Ludwigs-Kirche. Zwischen Schloß und Schloßgarten baute Moller 1818/19 das heute noch stehende Hof-Operntheater und 1825/27 die ebenfalls noch vorhandene Kanzlei am Mathildenplatz. Am Ludwigsplatz entstanden nach 1820 moderne Kaufhäuser.

[3]        Franz, Biedermeier, S. 296, 312, 319.

[4]        Pauli, Philipp August, Darmstadt, Eine historisch-topographische Skizze und Excursionen in die Umgegend, Darmstadt 1815, S. 35, nach Wiest, Stationen, S. 64.

[5]        Deppert/Häussler, Altstadt, S. 12.

[6]        Wiest, Stationen, S. 64; Franz, 310.

[7]        Wiest, Städtebauliche Preisgabe, S. 52.

[8]        Fries, Stadtbefestigung, S. 39.

[9]        Fries, Denkmaltopographie, S. 34.

[10]       Franz, Biedermeier, S. 319ff, 332.

[11]       Wiest, Stationen, S. 64f; Franz, Biedermeier, S. 328.

[12]       Franz, Biedermeier, S. 327; Siehe Bild 5.

[13]       Franz, Biedermeier, S. 336ff.

[14]       Franz, Biedermeier, S. 340ff.

 

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