FREUNDESKREIS STADTMUSEUM DARMSTADT E.V.

ALTSTADTMUSEUM HINKELSTURM

*** geöffnet von April - Oktober, samstags und sonntags von 14 - 16 Uhr ***

          1. Stadtgründung

          2. Die Nebenresidenz

          3. Die Alte Vorstadt

          4. Die Neue Vorstadt

          5. Die Mollerstadt

          6. Die Gründerzeit

          7. Das 20. Jahrhundert

      ©Freundeskreis Stadtmuseum, 2004

 

Die Geschichte der Darmstädter Altstadt-

6. Gründerzeitliche Stadterweiterung und Marginalisierung der Altstadt

Auszug aus der Examensarbeit von Jörg Harbrecht 'Denkmalpflege und Geschichts-unterricht am Beispiel der Darmstädter Altstadt', erarbeitet 1998 an der Johann Wolfgang Goethe - Universität in Frankfurt am Main

Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Aufnahmen

Bild 40

Stadtansicht von Westen. M. Meißner, 1626 (Knodt, Stadtkirche, S. 3).

Bild 41

Stadtansicht von Wilhelm Dilich von 1591 (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 16b).

Bild 42

Stadtansicht von Wilhelm Dilich, Anfang 17. Jahrhundert aus nordwestlicher Richtung (Wolf, Jahrhunderte, S. 153).

Bild 43

Stadtansicht von Wilhelm Dilich um 1606, verändert von Gabriel Bodenehr, nach 1700 (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 16a).

Bild 44

Die Rekonstruktion von August Buxbaum, 1927 entstanden, zeigt den Marktplatz mit Rathaus und Stadtkirche um 1570 (Deppert/Häussler, Altstadt, S. 33).

Bild 45

Marktplatz, nach Peter Rodingh, 1676/77. Rechts das Landgraf - Johann Haus (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 52).

Bild 46

Marktplatz, Kametzkysches Haus. Darstellung von Ernst August Schnittspahn, gemalt 1858 (Illgen, Biedermeier, S. 29).

Bild 47

Marktplatz nach Wilhelm Merck, um 1800. Rechts im Bild das Marktpalais (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 52).

Bild 48

Marktplatz um 1840 (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 82).

Bild 49

Marktplatz um 1860 (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 82).

Bild 50

Marktplatz nach 1897 (Knieß, Darmstadt, S. 21).

Bild 51

Marktplatz um 1930 (Zimmer, Ehemals, gestern und heute, S. 51)

Gründerzeitliche Stadterweiterung und Marginalisierung der Altstadt 

Die Regierungszeit Ludwigs III. war zunächst durch die beginnende Industrialisierung geprägt. Erste Fabriken konnten sich schon nach der Gewerbefreiheit und der Aufhebung der Zollgrenzen Ende der 1820er, Anfang der 1830er Jahre entwickeln. Dennoch war die Wirtschaft noch 1854 überwiegend vom Handwerk bestimmt. Wichtig für das weitere industrielle Wachstum waren die ab 1846 westlich der Mollerstadt vorbeilaufende Eisenbahn und die 1853 eingerichtete Bank für Handel und Industrie. Erste Gaswerke entstanden 1848 und 1853. Durch diese Infrastruktur konnten ab Mitte der fünfziger Jahre mehrere Fabriken gegründet und ausgebaut werden.[1]

 

Die Industrialisierung hatte Einfluss auf die Bevölkerungsentwicklung. Für 1850 gibt Wiest etwa 29.200 Einwohner an, von deren Haushaltungsvorständen 37,8 Prozent auf die Altstadt entfallen.[2] Die Anzahl der Gebäude lag in der Gesamtstadt 1850 bei 1469. Davon standen 513 in der Altstadt. 1861 stieg die Bevölkerung Darmstadts auf 28.375, um 1871 33.799 zu erreichen.[3]

 

Das Ende der Regierung Ludwigs III. stand unter dem politischen Eindruck der Kriege von 1866 und 1870/71, in die auch die Hessen-Darmstädter Regimenter verwickelt waren. 1871 erfolgte die Umwandlung des Deutschen Bundes in das Deutsche Reich. Damit fielen in Darmstadt Kriegs- und Außenministerium weg. 1874 erhielt Darmstadt eine neue Städteordnung. Albrecht Ohly war der erste hauptamtlich besoldete Oberbürgermeister; der Typ des ehrenamtlich tätigen handwerklich-kaufmännischen Bürgermeisters aus der Altstadt gehörte der Vergangenheit an. [4]

 

Die Stadtentwicklung unter Ludwig III. vervollständigte in den 1850er Jahren vor allem die nordwestlichen Parzellen der Mollerstadt. Ebenso wurden die Straßen in die nördlichen und südlichen Vororte ausgebaut.[5]

 

In den 1850er Jahren hielt der soziale Verfall des Altstadtquartiers, vor allem durch den leichten Aufschwung des Handwerks, inne. Ebenso wirkte sich das auf den Feldern östlich der Altstadt entstehende Woogsviertel positiv aus. Die Altstadt wurde an die neuen Straßen mit den 1861/62 erfolgten Durchbrüchen der Lindenhof- und Woogstraße angebunden. Ebensolche Durchbrüche sind ab 1863 in der Ernst-Ludwig-Straße und in der Pädagogstraße vorgenommen worden.[6]

 

Das Viertel um Main-Neckar- und Ludwigsbahnhof wurde ab den 1860er Jahren bebaut, 1864/66 ist das Neue Palais gebaut worden. Nach dem allgemeinen Aufschwung durch die französischen Reparationen entstanden eine Reihe gründerzeitlicher Neubauten für Handel und Gewerbe, den Staat und die Stadt.[7] Ab 1872 ist mit dem späteren Johannesviertel die erste planmäßige Stadterweiterung durch einen privaten Unternehmer erfolgt. 1874 sind Polizeiamt und Feuerwehr eingerichtet worden. 1880 entstanden das neue Wasserwerk und die Kanalisation.[8]

 

Von 1877 bis 1892 regierte Ludwig IV. Um 1880 war Darmstadt schon stark mit Bessungen verwachsen, so dass insgesamt 48.769 Einwohner zu zählen waren.[9] Auf die Altstadt entfielen nur noch 20% der Haushaltungsvorstände. Seit 1870 wurden bis 1890 gut 800 Gebäude erstellt. 1880 waren 3037 Gebäude, davon 522 in der Altstadt verzeichnet. 1890 hatte sich durch die 1888 erfolgte Eingemeindung Bessungens der Gebäudebestand auf 3628 erhöht.[10]

 

Schon in den 1860er und 1870er Jahren verstärkte sich der soziale Abstieg der Altstadt wieder durch den Zuzug von Tagelöhnern aus dem umgebenden Land, vor allem nach dem Bau der Eisenbahn in den Odenwald. Wohlhabendere Kreise dagegen verließen den Altstadtbereich. 1880 stand die Altstadt dann am Ende der sozialen Skala. In dieser Entwicklung des Darmstädter Altstadtbereiches, bedingt durch die Neustadt, sieht Wiest einen Sonderfall, der in den meisten deutschen Städten umgekehrt verlief. Die Kernstadtbereiche wurden andernorts vom frühindustriellen Aufschwung ab der Jahrhundertmitte und der Gründungswelle der 1870er Jahre erfasst und zu Geschäftsvierteln umfunktioniert. Sozial Schwache wanderten an die Stadtränder ab.[11]

 

In Darmstadt ging diese Entwicklung an der Altstadt mit Ausnahme des Marktbereiches vorbei. Bis 1880 war die Altstadt noch immer der Mittelpunkt des Kleinbürgertums, nach 1880 spaltete sie sich in einen marktnahen und einen marktfernen Bereich, der nun völlig ins soziale Abseits geriet. Hier waren ungelernte, arbeitslose und bedürftige Zuwanderer zu finden.[12] 

 

Die Altstadtbereiche der meisten deutschen Großstädte wurden an vielen Stellen gründerzeitlich umgestaltet. In Darmstadt erhielt sich der mittelalterliche Zustand zum großen Teil bis zur Zerstörung 1943/44. Sanierungsmaßnahmen fanden hauptsächlich in Form von Ab- und Durchbrüchen statt. 1885 begann dies mit der durch Abbruch eines Häuserblocks entstandenen "Insel". Nach der Jahrhundertwende ist die breite Schneise der Landgraf-Georg- Straße, die ganze Blöcke zerteilte, durch die Altstadt gebrochen worden. Diese Maßnahmen konnten den weiteren sozialen Abstieg aber nicht aufhalten.[13]

 

Ab den 1880er Jahren wurde auch das bisher ungeplant entstandene Martinsviertel planmäßig ausgebaut. 1885 ist das Stadthaus in der Rheinstraße angekauft worden, seit 1886 fuhr die Dampfstraßenbahn in die Vororte und 1888 hatte Darmstadt das erste Elektrizitätswerk.[14] Um der größer werdenden Industrie einerseits und der Bevölkerung andererseits gerecht zu werden, siedelte man die Industrie ab 1887 in einem separaten Gebiet im Nordwesten an. Hierher wurden einige noch in der Innenstadt liegende Betriebe verlegt, wie die bis 1904 vor der östlichen Altstadtmauer liegende Firma Merck. Das ermöglichte die Neugestaltung dieses Gebietes und die bessere Einbindung der Altstadt in die umgebende Stadt. Im Südwesten entstand ein Kasernenviertel, das auch nach 1900 weiter ausgebaut worden ist.[15]

 

1892 übernahm Großherzog Ernst Ludwig die Regierung. In den Jahren nach 1890 setzte noch stärkeres Wachstum von Wirtschaft,[16] Stadt und Bevölkerung ein, so dass die Bevölkerung mit dem 1888 eingemeindeten Bessungen von 56.505 Einwohnern im Jahr 1890, auf 63.745 in 1895 und 72.381 zur Jahrhundertwende anstieg.[17]

 

1895 und 1907 entstanden große Hochschulneubauten, 1897 bis 1906 der Museumsneubau anstelle des Exerzierhauses von 1771. Ab 1897 fuhr die elektrische Straßenbahn. Dafür wurden in der engen Altstadt fünf Häuser um die Stadtkirche herum abgebrochen.[18]

 

Ab 1897 wurden einige großbürgerliche Villengebiete, zunächst auf der Mathildenhöhe erschlossen. Hier gründete Ernst Ludwig 1899 auch die Künstlerkolonie, von der aus sich die Darmstädter Variante des Jugendstiles entwickelte und bis 1914 internationale Kunstausstellungen stattfanden. Nach der Jahrhundertwende kamen das Paulusviertel, die Gartenstadt Hohler Weg und schon auf Eberstädter Gebiet die Villenkolonie hinzu.[19]

 

Weitere Wohnbebauung verdichtete um 1900 das Martinsviertel, die Ausfallstraßen nach Bessungen und Bessungen selbst. 1907 brach die Konjunktur in der Bauwirtschaft zusammen. Bis dahin erhöhte sich der vielfach spekulativ gebaute Wohnungsbestand von 15.627 im Jahr 1900 auf über 20.000 im Jahr 1907. Zwischen 1884 und 1907 sind fünf große Kirchen, eine russische Kapelle und eine Synagoge erstellt worden.[20]

 

Der Bauboom vor und nach der Jahrhundertwende ging - von einzelnen Gebäuden an der Hauptachse Kirchstraße und Markt abgesehen - an der Altstadt vorbei. Bis zum ersten Weltkrieg ist selbst der marktnahe Bereich von der Verelendung betroffen gewesen.[21]

 

Vor dem ersten Weltkrieg sind noch eine Reihe größerer Bauten, wie Kaufhäuser, Schulen, das Amtsgericht, das Hallenbad hinter der Altstadt und vor allem der 1912 eröffnete Hauptbahnhof entstanden.[22] Der Bestand an Gebäuden betrug im Jahre 1910 5.704, davon 465 in der Altstadt, deren Bestand vor allem durch die Durchbrüche immerhin laut Statistik um 57 Gebäude dezimiert wurde. 1910 war der Anteil der Haushaltungsvorstände in der Altstadt auf 7,6% gefallen.[23]

 

 

 


[1]        Franz, Biedermeier, S. 315, 335, 358ff. Die industrielle Entwicklung zeigt auch die Anzahl der Dampfmaschinen: Waren es 1854 in Hessen insgesamt 83, von denen nur sieben in Darmstadt liefen, so stieg deren Zahl sechs Jahre später auf 30 (Franz, Biedermeier, S. 358ff).

[2]        Wiest, Stationen, S. 33, 158.

[3]        Franz, Biedermeier, S. 360f.

[4]        Franz, Biedermeier, S. 370ff.

[5]        Franz, Biedermeier, S. 361f.

[6]        Wiest, Stationen, S. 65; Franz, Biedermeier, S. 370; Fries, Stadtbefestigung, S. 39. Wiest legt die Durchbrüche in der östlichen Stadtmauer und die Bebauung des Woogsviertels in die 1850er Jahre, Franz und Fries in die Zeit nach 1860. Allerdings nennt nur Fries den Durchbruch Woogstraße. Der Durchbruch und Neubau der Ernst-Ludwig-Straße zogen sich über mehrere Jahre hinweg und sind am Weißen Turm erst nach 1869 erfolgt, wie - wenn die Datierung stimmt - Bild 36 beweist.

[7]        Franz, Biedermeier, S. 380f. Es entstanden unter anderem zahlreiche Schulen, Bauten für die Hochschule, ein städtischer Saalbau (1872/73), 1872/74 das heute noch benutzte (Land-) Gericht, eine Synagoge (1874/76) und das Hauptpostamt. 1879 wurde das 1871 abgebrannte Theater wiederaufgebaut.

[8]        Franz, Biedermeier, S. 366, 377f.

[9]        Franz, Biedermeier, S. 377; Wiest, Stationen, S. 33. Darmstadt zählte ohne Bessungen 41.199 Einwohner (Bild 5).

[10]       Franz, Biedermeier, S. 382; Wiest, Stationen, S. 33, 158ff.

[11]       Franz, Biedermeier, S. 376; Wiest, Stationen, S. 65; Wiest, Städtebauliche Preisgabe, S. 52.

[12]       Wiest, Stationen, S. 65.

[13]       Wiest, Städtebauliche Preisgabe, 52.

[14]       Franz, Biedermeier, S. 384ff; Bürnheim, Straßenbahn, S. 7.

[15]       Franz, Biedermeier, S. 394.

[16]       Die Anzahl der Dampfmaschinen lag 1895 bei 70, dazu kamen 58 Gas- und 11 elektrische Kraftmaschinen (Franz, Biedermeier, S. 392).

[17]       Franz, Biedermeier, S. 382, 391f (Bild 5).

[18]       Franz, Biedermeier, S. 394ff; Bürnheim, Straßenbahn, S. 20.

[19]       Franz, Biedermeier, S. 398ff.

[20]       Franz, Biedermeier, S. 398, 406. Die Kirchen waren die Martins- (1884/85), Stifts- (1892), Johannes- (1893/94), St-Elisabeth- (1903/05) und Pauluskirche (1907). Die russische Kapelle entstand 1898 auf der Mathildenhöhe für Zar Nikolaus II., den Schwager Ernst Ludwigs. Die Synagoge wurde 1906 in der Bleichstraße errichtet, eine weitere stand schon seit 1874/76 an der Ecke Friedrich-/Fuchsstraße.

[21]       Wiest, Stationen S. 66.

[22]       Franz, Biedermeier, S. 406f.

[23]       Wiest, Stationen, S. 159, 161.

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