FREUNDESKREIS STADTMUSEUM DARMSTADT E.V.

ALTSTADTMUSEUM HINKELSTURM

*** geöffnet von April - Oktober, samstags und sonntags von 14 - 16 Uhr ***

          1. Stadtgründung

          2. Die Nebenresidenz

          3. Die Alte Vorstadt

          4. Die Neue Vorstadt

          5. Die Mollerstadt

          6. Die Gründerzeit

          7. Das 20. Jahrhundert

      ©Freundeskreis Stadtmuseum, 2004

 

Die Geschichte der Darmstädter Altstadt-

3. Erste Stadterweiterung: Die Alte Vorstadt

Auszug aus der Examensarbeit von Jörg Harbrecht 'Denkmalpflege und Geschichts-unterricht am Beispiel der Darmstädter Altstadt', erarbeitet 1998 an der Johann Wolfgang Goethe - Universität in Frankfurt am Main

Soweit nicht anders angegeben, handelt es sich um eigene Aufnahmen

Bild 16

Der Hinkelsstein vom Hinkelsturm gesehen, September 1998. Die rote Linie zeigt den ehemaligen Verlauf der Gebäudefront.

Bild 17

Herrenbau, Paukergang und Kirchenbau vom Kirchenhof aus Richtung des Kaisersaalbaus gesehen, August 1998.

Bild 18a-d

Die Entwicklung von der Wasserburg bis zum Schloss im Grundriss (Zimmermann, Schloss, S. 14f).

Bild 19a

Der Grundriss des Schlosses in der Vorkriegszeit (Zimmermann, Schloss, S. 65f).

Bild 19b

Der Grundriss des Schlosses in der Nachkriegszeit (Zimmermann, Schloss, S. 65f).

Bild 20a

Kaisersaalbau mit fünf Fensterachsen nach der Zerstörung im Jahr 1955 (Zimmermann, Schloss, S. 118)

Bild 20b

Kaisersaalbau nach dem Wiederaufbau mit sechster Fensterachse. Die Ecke zwischen Kaisersaalbau und Kirchenbau zeigt deutlich unterschiedlich hohe Fenster (August 1998).

Bild 21

Baustelle im 14. Jahrhundert (Herbig, Mittelalter, S. 31).

Bild 22

Rekonstruktion der Darmstädter Stadtmauer von August Buxbaum, 1927 (Deppert/Häussler, S. 35).

Bild 23

Sternschanzenfestung, Plan von 1663. Die Proportionen sind ungenau (Haupt, Baudenkmäler, Bd. 2, S. 32).

Bild 24a

Hinkelsturm von Westen. Zu erkennen sind die Fugen der nachträglichen Vermauerung der ehemals offenen Stadtseite (August 1998).

Bild 24b

Burg Frankenstein als Schalenturm (Herbig, Mittelalter, S. 30).

Bild 25

Längslaufende Baunaht im oberen Drittel der Stadtmauer, August 1998.

Erste Stadterweiterung: Die Alte Vorstadt

War die Stadt 1567 beim Regierungsantritt Georgs I. noch von den Auswirkungen des Schmalkaldischen Krieges geschwächt, so brachte die neue Funktion als Residenz mit neuer Verwaltung, baulicher Aufwertung und Erweiterung wirtschaftlichen Aufschwung. Erste Zünfte schlossen sich zusammen. Die Finanzen waren am Ende der Regierungszeit Georgs geordnet. [1]

 

Die Einwohnerzahl gibt Battenberg beim Regierungsantritt Georgs mit 239 Bürgern bei insgesamt 1150 geschätzten Einwohnern an. Hinzu kamen etwa 60 Hofbedienstete, die zum Teil mit ihren Familien am Hofe lebten. Für 1595 errechnet Battenberg die Einwohnerzahl auf wieder etwa 1600. Zusätzlich waren etwa 220 Hofbedienstete, teilweise mit Familien, in Darmstadt, so dass die tatsächliche Einwohnerzahl über 2000 gelegen haben dürfte. Gerade der Anstieg der Zahl an Hofbediensteten macht die Entwicklung Darmstadts zur Residenz deutlich.[2]

 

Die neue von Kassel abgetrennte Darmstädter Behörde knüpfte an den Katzenelnbogner Oberamtsmann an. Neu hinzu kam der Kanzler. Ein Kabinett gab es noch nicht, wichtige Entscheidungen traf Georg allein. Ab 1568 regelte eine neue Hofordnung die Beziehungen der Hofbediensteten nach außen und untereinander. Hof- und Stadtverwaltung bildeten rechtlich, administrativ und kirchlich zwei eigenständige Bereiche, wobei der deutlich stärkere Anteil auf der Hofverwaltung lag.[3]

 

Georg I. plante eine Zentralisierung der Gerichtsbarkeit; auch in Darmstadt war diese Zeit von Hexenprozessen überschattet. Er legte die Grundlagen für das städtische Schulwesen, es bestand eine Art von Schulpflicht. Schulneubauten entstanden, und ab 1594 wurden Waisenkinder im Schloss unterrichtet.[4] .

 

Die Pestwelle am Ende der Regierung Georgs I. machte die Notwendigkeit der öffentlichen Gesundheitsfürsorge deutlich. 1592 wurde daher ein städtisches Armenhaus eingerichtet.[5]

 

Unter Georg I. blieb Darmstadt von Kriegen verschont. Gegen die Plünderung durch vorbeiziehende Truppen ist nach 1571 eine Umgehungsstraße im Westen der Stadt angelegt worden. Man hatte auch immer wieder versucht, die Verteidigungsanlagen besser zu sichern. So wurden Vorwerke, bastionsähnliche Erdwälle mit zusätzlichen Mauern und Gräben angelegt und vor allem regelmäßige Musterungen abgehalten, aber dies genügte bei weitem nicht.[6]

 

Unter der Regierung Georgs I. veränderte sich das Stadtbild nachhaltig. Baumaßnahmen des Hofes und der Stadtverwaltung gestalteten Plätze um und erweiterten die Stadt großzügig. Es entstanden zahlreiche neue Gebäude für die Hofhaltung. Wichtig für die weitere städtebauliche Entwicklung Darmstadts zur modernen Residenzstadt war die ab 1590 begonnene Stadterweiterung. Sie war auch Vorbild für die Marktplatzumgestaltung ab 1596 und bestimmte das Bauen in der Landgrafschaft. Diese geplante Vorstadt nordöstlich der bisherigen Stadt war für die notwendige Hofbeamtenschaft gedacht. Einige Bauplätze wurden auch an städtische Bürger vergeben.[7]

 

Die Anlage der Vorstadt konnte erst unter den Nachfolgern vollendet werden, den Weiterbau hatte Georg I. in seinem Testament empfohlen. Wegen der Kriege zogen sich die Arbeiten fast hundert Jahre hin. Die Vorstadt entstand in zwei Bauabschnitten. Ein erster folgte ab 1590 der Magdalenenstraße (Bild 62a). Haupt geht davon aus, dass dieser zunächst bis zur Nordseite des Ballonplatzes provisorisch ummauert und mit dem mittleren Arheilger Tor geschlossen worden ist.[8] 1601 ist das Gelände der Magdalenenstraße aber schon bis zum Sprentzentor[9] ummauert gewesen. Bis 1621 waren die letzten Grundstücke vergeben, 1627 der Torbau eingeweiht.[10]

 

Der zweite Abschnitt im Bereich des Birngartens - die heutige untere Alexanderstraße - konnte wegen des Dreißigjährigen Krieges erst 1672 begonnen und 1687 abgeschlossen werden (Bild 62b). Erst damit war die Vorstadt ein fertiger Stadtteil, der mit der ursprünglichen Stadt stückweise verbunden wurde. Rechtlich galt die Vorstadt der bisherigen Stadt als gleichgestellt, bildete dennoch ein Gegengewicht zu deren bürgerlicher Struktur.[11]

 

Bau und Art der Vorstadt waren in städtebaulicher und sozialer Hinsicht sehr fortschrittlich. Um den Ausbau voranzutreiben, erhielten Bauwillige Grundstücke kostenlos und wurden für zehn Jahre von den Grundlasten befreit. Auch höhere Beamte hatten den gleichen Wohnraum zur Verfügung. In einigen der größeren Häuser mit drei Fensterachsen (Bild 67) waren die Diensträume untergebracht.[12]

 

Haupt vergleicht die Darmstädter Stadterweiterung mit der Hanauer Neustadt. Für die Anlage gab es eine verbindliche Bauordnung, die Grundstücksparzellen waren einheitlich zugeschnitten. Auf jedem Grundstück stand ein giebelständiges Vorderhaus, das durch eine Mauer mit Toreinfahrt mit dem Nachbarhaus verbunden war. Für die sich an der Schlossarchitektur orientierende Straßenfassade war Stein vorgeschrieben, die restlichen Wände wurden in Fachwerk ausgeführt. Die entstandenen Hofreiten entsprachen einem kleinen Bauernhof. An das Vorderhaus schlossen sich Stallgebäude, Scheune und ein Garten an, der von der neuen Stadtmauer abgeschlossen wurde (Bild 67).[13]

 

Um die Stadterweiterung baute man bis 1675 eine Mauer nach dem alten unzureichenden System. Diese war jedoch nicht nach allen Seiten mit einer doppelten Zwingermauer versehen, dennoch legte man auch Vorwerke an. Stadtmauern dieser Art waren im 17. Jahrhundert für die militärische Verteidigung unzureichend. Sie grenzten in erster Linie den städtischen Rechtsbereich ab und dienten der allgemeinen Sicherheit. Nicht zuletzt stellten sie auch ein Zeichen der städtischen Selbstbehauptung dar.[14]

 

Bereits ab 1587 vergrößerte der Abbruch eines vor dem Schloss stehenden Häuserblocks den Marktplatz, so dass dieser bis heute im Norden vom Schloss und im Süden vom Rathaus begrenzt ist. Eine Bauordnungs-vorschrift regelte ab 1596 die an der Schlossfassade orientierte Gestaltung, um den Marktplatz auch architektonisch zu einem Vorhof auszugestalten (Bild 45). Die Fassaden glichen denen der Vorstadt, wenngleich die Anordnung der Gebäude so erfolgte, dass immer zwei Tordurchfahrten beieinander lagen, die überbaut werden durften.[15]

 

Georg I. führte den Ausbau des Schlosses zur Residenz fort (Bild 18b). Er ließ den Herrenbau nach Nordwesten erweitern, weitere Schlossflügel erbauen und 1585 einen eigenen Bau für die Kanzlei-Regierung errichten. Einerseits wurden die Fassaden nach außen geöffnet, andererseits die militärischen Sicherungen verbessert. Die nördlichen Wallmauern sind verstärkt, der Schlossgraben ist tiefer ausgehoben worden. Es entstand der Walltunnel als nördlicher Ausgang.[16]

 

Im letzten Regierungsjahr Georgs sind anlässlich seiner zweiten Heirat die Grundsteine für den Kirchen- und den Kaisersaalbau (Bilder 18b, 20a und b), die den Kirchenhof nach Süden und Osten abschlossen, gelegt worden. Insgesamt wendete Georg I. allein für das Schloss einen Betrag von 7000 Gulden auf. Damit sind die wesentlichen Elemente des heute noch stehenden Altschlosses fertig gestellt gewesen. Außerdem wurde der Schlossgarten im Norden erweitert. Grundlage für spätere repräsentative Gestaltung vor allem der Marktfassade war die Verlegung der im südlichen Schlossbereich konzentrierten Wirtschaftsgebäude in den Bereich der späteren Vorstadt. Somit war Platz für Kanzlei, Zeughaus und Marstall, der Schlossbereich konnte besser geordnet werden.[17]

 

Ludwig V. hat nach dem Tod Georgs I. im Jahre 1596 viele Projekte zu Ende führen lassen. Von 1598 bis 1601 entstand an Stelle des erst 1569 fertig gestellten Fachwerkrathauses (Bild 44) der heute noch stehende repräsentative steinerne Neubau (Bild 53). Zum Teil wurden die alten Grundmauern verwendet. Für die Ausführung war der Hofbaumeister Jakob Wustmann zuständig, da das Interesse des Landesfürsten an der baulichen Entwicklung der Stadt groß war.[18]

 

Mauer und Wall des ersten Teils der Vorstadt waren schon um 1601 bis auf das Sprentzentor fertig gestellt (Bild 62a). Unter Ludwig ist Baumaterial größtenteils kostenlos oder vergünstigt zur Verfügung gestellt worden. 1606 war dann der Ballonplatz, Grundlage für den Weiterbau zum Schloss, fertig. Dieser wurde im Süden und Osten von je vier dreiachsigen Häusern, im Westen von der Mauer des Bauhofes und im Norden von drei Häusern mit zwei Fensterachsen eingefasst. Obwohl die Wirtschaftslage auch noch nach dem Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges 1618 gut war, wurde der Weiterbau erst 1621 geplant, konnte dann aber nicht mehr ausgeführt werden.[19]

 

Trotz der Erstürmungen im 16. Jahrhundert verließ man sich auf die herkömmliche Bewachung und die veraltete Mauer. Erst 1622 waren die Kriegsauswirkungen in Darmstadt zu spüren. Der Mansfelder Truppendurchzug richtete großen Schaden in den Dörfern der Umgebung an, verschonte aber Darmstadt selbst weitgehend. Diesem ersten Einbruch des Krieges schloss sich wieder eine kurze Zeit des Friedens an, in der die Einwohnerzahl Darmstadts stieg, auch weil viele Menschen Zuflucht in der Stadt suchten.[20]

 

Nach dem Tod Ludwigs im Jahr 1626 setzte Georg II. die Politik seines Vaters fort. Durch die wieder stabile Wirtschaftslage konnte 1627 der erste Abschnitt der Vorstadt mit Pflasterung der Straßen und Errichtung des Sprentzentors abgeschlossen werden. Ebenso wurde 1627 nach testamentarischem Wunsch das Pädagog von Seifrid Pfannmüller gebaut (Bild 59). Dieses erste Gymnasium diente der Vorbereitung auf die Universität. Wolf vermutet, dass das Pädagog auf den Grundmauern des ehemaligen Wohnhauses des Frankensteiner Hofes entstand und dessen Treppenturm einbezog. Dafür spricht die unregelmäßige äußere Gliederung, auf die auch Haupt hinweist. Zudem steht die Rückwand des Pädagogs auf der Stadtmauer, die schon vom Frankensteiner Hof überbaut wurde (Bild 56).[21]

 

1628 bis 1631 erhielt der baufällige Stadtkirchturm statt des spitzen Helms ein zusätzliches Stockwerk und eine welsche Haube nach holländischem Vorbild (Bild 39). Am Schloss ist 1629 der Kanzleibau erweitert worden. Bautätigkeit auch in der Altstadt führte zur allmählichen Verdichtung.

 

Ab 1628 sind organisatorische Maßnahmen zur besseren Verteidigung der militärisch ungeeigneten Mauer getroffen worden. So verhandelten Regierung und Stadt über neue Torwachen und Wachgelder und forderten vom Stadtrat, die Feuerlöschgeräte in Stand zu halten.[22]

 

Mit der Landung des Schwedenkönigs Gustav Adolf am 6.7.1630 in Pommern begann eine neue Phase des Krieges, von der auch Darmstadt bis zum Westfälischen Frieden 1648 schwer betroffen wurde. Während Georg II. Darmstadt in Richtung der Festung Gießen verließ, strömten vom Land zahlreiche Menschen in die befestigte Stadt. Im Winter 1632/33 brach in Darmstadt eine Pestepidemie aus, der Wochenmarkt wurde wegen der Ansteckungsgefahr außerhalb der Stadt abgehalten. Bis 1635 waren 2200 Opfer zu beklagen.[23]

 

1635 ist Darmstadt für einige Wochen von Franzosen kampflos eingenommen und besetzt gehalten worden. Einquartierungen, auch im Schloss, richteten großen Schaden an. Die Dörfer der Umgebung wurden angesteckt und geplündert. Zahlreiche Bewohner flüchteten in die Stadt. Da die Ernten vernichtet und das Vieh getötet waren, kam es zu einer anhaltenden Hungersnot, deren Auswirkung noch in den folgenden Jahren zu spüren war. 1639 besetzten kaiserliche und bayrische Truppen die Stadt, richteten aber weit weniger Schaden an. Die Friedensverhandlungen von 1644 führten wegen Erbstreitigkeiten zwischen Darmstadt und Kassel um die Gebiete der ausgestorbenen Linien von Marburg und Rheinfels zur Verlängerung des Kriegs um drei weitere Jahre. Ab 1648 kehrte dann auch in Darmstadt Frieden ein und die Kriegsschäden wurden aufgeräumt.[24]

 

Die Auswirkungen des Krieges auf die Bevölkerung sind an den Zahlen abzulesen: Waren 1631 noch 320 Bürger verzeichnet, die auf etwa 1800 bis 2000 Einwohner schließen lassen, so ist deren Zahl 1648 auf nur noch 171 Bürger und 31 Witwen gefallen. 1651 war mit 221 Bürgern und 26 Witwen wieder ein Anstieg zu verzeichnen.[25] Insgesamt hielten sich die Zerstörungen des Krieges in Darmstadt in Grenzen. Viele umliegende Dörfer sind dagegen völlig zerstört worden. Größere Aufbauarbeiten wurden an der außerhalb liegenden Ziegelhütte vorgenommen. Wegen den Aufbauarbeiten leistete die Stadt Widerstand, wenn sie zu fürstlichen oder kirchlichen Baumaßnahmen beitragen sollte. 1649 wurde Darmstadt als Sitz der Universität vorgeschlagen, da Marburg an Kassel gefallen war.[26]

 

Nach dem Tode Georgs II. 1661 trat Ludwig VI. (1661-1678) die Regierung an. In dieser Zeit des Friedens waren wieder größere Baumaßnahmen möglich, der Wohlstand stieg. 1662 bis 1671 entstand im Schloss der heute noch stehende Glockenbau als neuer repräsentativer Wohntrakt. 1671/72 kam der ebenfalls noch heute stehende Prinz-Christians-Bau als Verbindung zwischen Kaisersaalbau und Kanzlei hinzu[27] (Bild 18d).

 

Die Kriegsspannungen seit dem Beitritt zur Rheinischen Allianz im Jahre 1659 ließen Ludwig Planungen zum Ausbau Darmstadts zur Sternschanzen-Festung ausarbeiten, die jedoch nicht ausgeführt werden konnten (Bild 23). Um 1675 sind dann aber Jäger- und Sprentzentor instand gesetzt worden. Wieder versuchte man einen Schutz durch den Ausbau der militärisch inzwischen völlig unzulänglich gewordenen Stadtmauer zu erreichen. Die Vorstadtmauer wurde mit der bis dahin fehlenden äußeren Mauer und weiteren Türmen vervollständigt.[28]

 

Auch die Fertigstellung der Vorstadt durch den zweiten Bauabschnitt ist mit dem Dekret vom 1.3.1672 vorbereitet worden. Wegen der Kriegsgefahr begannen die Baumaßnahmen dann aber erst nach dem Tode Ludwigs VI. im April 1678.[29] Da auch dessen Nachfolger wenige Monate später starb, übernahm zunächst Elisabeth Dorothea die Regierungsgeschäfte für den erst zehnjährigen Landgrafen Ernst Ludwig. Unter ihrer Regentschaft wurden das Schiff der Stadtkirche ab 1685 verbreitert und 1687 die Bebauung der Vorstadt abgeschlossen.[30]  

 

Als 1688 Ernst Ludwig die Regierung übernommen hatte, drohte wegen der Pfälzer Erbansprüche neue Kriegsgefahr, so dass man wieder nach Gießen auswich. Die französischen Besatzer planten bereits im Februar 1689, die gesamte Darmstädter Befestigung schleifen zu lassen, obwohl diese nur noch von geringer militärischer Bedeutung war. Aber erst mit dem Angriff von 1693 sind Teile der um den Weißen Turm liegenden Stadtmauer und der Burgfried im Schloss abgebrochen worden. Einige Gebäude wurden durch die Angriffe zerstört. Darmstadt ist einer völligen Verwüstung, wie sie Zwingenberg oder Städte der Pfalz erlebten, wohl nur knapp entkommen.[31]

 

 


[1]        Battenberg, Anfänge, S. 74; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 15.

[2]        Battenberg, Anfänge, S. 59, 98. Den angenommenen 1600 Einwohnern liegen 265 registrierte Bürger und 38 Witwen zugrunde. In den folgenden beiden Jahren (1596/97) starben allerdings rund 200 Menschen an der Pest. Ein sehr viel stärkeres Anwachsen der Einwohnerzahlen ist bei Zimmermann, Schloß, S. 18, festzustellen. Er gibt die Einwohnerzahlen für 1569 mit 234 und 1500 für das Jahr 1600 an. Allerdings dürfte hier eine Verwechslung der Bürger- und Einwohnerzahl für 1569 vorliegen. Zur Einwohnerentwicklung siehe Bild 5.

[3]        Battenberg, Anfänge, S. 74ff.

[4]        Battenberg, Anfänge, S. 77, 80ff.

[5]        Battenberg, Anfänge, S. 85f.

[6]        Fries, Stadtbefestigung, S. 37; Battenberg, Anfänge, S. 77ff.

[7]        Battenberg, Anfänge, S. 86, 90; Fries Denkmaltopographie, S. 26; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 63ff.

[8]        Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 64.

[9]        Andere Bezeichnungen waren auch "vorderstes Arheilger Tor" und später "Sporertor" (Wolf, Jahrhunderte, S. 146).

[10]       Wolf, Jahrhunderte, S. 134, 146. Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 66, gibt das Sporertor schon 1601 mit der Ummauerung als fertig an.

[11]       Battenberg, Anfänge, S. 90; Wolf, Jahrhunderte, S. 134, 197.

[12]       Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 63ff.

[13]       Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 63f; Stadtplanungsamt, Alte Vorstadt, S. 8f. Der erste Bauabschnitt (Magdalenenstraße) erhielt die Fachwerkseitenwände erst ab dem Obergeschoß, im zweiten Abschnitt (Birngarten/ untere Alexanderstraße), setzte das Fachwerk schon auf einem Kniestock an.

[14]       Fries, Stadtbefestigung, S. 36.

[15]       Battenberg, Anfänge, S. 88ff; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 59f. Haupt gibt einen Lageplan von vor der Umgestaltung durch Georg I. wieder.

[16]       Battenberg, Anfänge, S. 86, Zimmermann, Schloß, S. 18ff.

[17]       Battenberg, Anfänge, S. 86ff, Zimmermann, Schloß, S. 18ff.

[18]       Wolf, Jahrhunderte, S. 134ff.

[19]       Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 65f; Wolf, Jahrhunderte, S. 134, 206.

[20]       Wolf, Jahrhunderte, S. 139ff.

[21]       Wolf, Jahrhunderte, S. 144ff; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 41, 111.

[22]       Wolf, Jahrhunderte, S. 146ff.

[23]       Wolf, Jahrhunderte, S. 152, 155ff.

[24]       Wolf, Jahrhunderte, S. 158ff.

[25]       Siehe Bild 5.

[26]       Wolf, Jahrhunderte, S. 154, 176, 184ff. Spätestens seit 1611 sind auch Juden in der Stadt verzeichnet, die nicht in einem eigenen Viertel lebten (Wolf, Jahrhunderte, S. 137).

[27]       Wolf, Jahrhunderte, S. 194ff.

[28]       Wolf, Jahrhunderte, S. 197; Fries, Stadtbefestigung, S. 36. Das Abnehmen der Verteidigungsfähigkeit läßt sich an zwei Daten festmachen, die Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 35, nennt. 1634 schlägt der Stadtkommandant noch eine verbesserte Verteidigung am Bessunger Tor vor. 1655, kurz vor neuen Kriegsspannungen, wurde dort die Zugbrücke durch eine feste Brücke ersetzt, militärische Verteidigung also aufgegeben.

[29]       Wolf, Jahrhunderte, S. 206; Haupt, Baudenkmäler, S. 16, 66. Fries, Denkmaltopographie, S. 26, schreibt dagegen die Bebauung des Birngartenbereiches und das Umgeben der gesamten Alten Vorstadt mit Mauer Ludwig VI. zu.

[30]       Wolf, Jahrhunderte, S. 208. Dadurch wurde die seit 1630 bestehende Planung einer Kirche am Ballonplatz der Vorstadt aufgegeben.

[31]       Wolf, Jahrhunderte, S. 214f; Fries, Stadtbefestigung, S. 36; Haupt, Baudenkmäler, Bd. 1, S. 36; Zimmermann, Schloß, S. 29f.

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